daniel.schreiber.solar

Mein Insta fürs Post-Meta-Zeitalter

Tunesien

In diesem Beitrag nehme ich euch mit auf eine unvorbereitete Tour durch Tunesien. Wir reisten entspannt mit überwiegend öffentlichen Verkehrsmitteln und waren meist so spontan, dass wir morgens noch nicht wussten, wo wir abends schlafen würden. Das führte zu sehr abwechslungsreichen Übernachtungen wie auch Transportmitteln

Tunis

Gelandet in der Hauptstadt Tunis, ein paar Dinar am Flughafen abgehoben, in den ersten Bus gesetzt – City Center? Oi! How much? 1 Dinar. – und schon waren wir mittendrin im Geschehen. Es war Samstagmorgen und relativ wenig Trubel auf den Straßen. Wir bogen schnell in kleine Seitengassen ab für den Blick hinter die Kulissen. Die ersten Eindrücke waren geprägt von streunenden Katzen, Müll, baufälligen Gebäuden und Müll in baufälligen Gebäuden. Also wirklich: unbewohnte Räume, teilweise ohne Tür und eingestürzter Decke, meterhoch mit Abfall geflutet. Es kommt mir so vor, als hätten wir uns schnell daran gewöhnt, aber offenbar sind wir einfach nur am ersten Tag durch die schlimmsten Gassen gegangen, denn vor allem in der Innenstadt haben die Gassen sehr viel Charme. Wir sind einige sogar mehrfach hintereinander gelaufen. Im Kreis. Auf der Suche nach einer Unterkunft, von der Valerie, als wir noch Internet hatten, einen Screenshot gemacht hat. Mit meiner Offline Karte fanden wir die angegebenen Koordinaten, aber in der angegebenen Straße, die kaum 20cm breiter als meine Schultern war, gab es keinen Hinweis auf die Unterkunft. Die sehr hilfsbereiten Tunisier kannten die Unterkunft leider auch nicht, sodass wir letztendlich nur durch wahlloses Klopfen an den Türen im besagten schmalen Gässchen zur richtigen Tür gelangten. Und wir hatten Glück. Das Pärchen hatte noch eins (von zwei) Zimmern frei. Wir haben bis zum Ende nicht verstanden, warum es keine Hostels in diesem Land gibt, haben sie allerdings auch nicht vermisst.
Einen Besuch wert ist der künstlerische Vorort Sidi Bou Said mit seinen blau-weißen Häusern vor allem in der Abendsonne.

Nach 2 Nächten in Tunis, bevor wir uns auf den Weg nach Süden machen wollten, hörten wir von heißen Quellen in Korbus, die direkt ins Meer fließen. 60°C könnten das winterkalte Mittelmeer ganz erträglich machen. In der Realität war das Wasser einfach zu heiß und zu kalt, sodass es schon etwas Geschick erforderte, eine angenehme Position zu finden, in der man sich nicht verbrüht und gleichzeitig eine andere Körperstelle auskühlt. Wie ein Lagerfeuer hatte die Quelle eine Anziehung, sie nicht verlassen zu wollen, sodass wir es darauf haben ankommen lassen, über Nacht zu bleiben. Da wir keine Matratze dabei hatten, schoben wir das Problem der Schlafplatzsuche lange auf, schlossen uns noch dem Mitternachtspicknick von vier Freunden an, mit denen wir uns lange unterhielten. Mit frisch gezapften Wärmeflaschen und unserem Schlafsack hielten wir es gut aus. Für die Nacht bekamen wir noch einen dicken Karton, der den Boden, auf dem wir schliefen erst richtig gemütlich machte. Am nächsten Morgen ging es mit dem Brotlieferanten-Sammeltaxi in den nächsten Ort und von dort über Nabeul nach Hammamet.

Hammamet

In der Stadt, die ihren Namen von den Hamam-Bädern hat, verbrachten wir gleich 2 Nächte in einer süßen Unterkunft mit Garten und Küche. Es war das einzige Neujahr, an das ich mich erinnern könnte, das ich nicht draußen verbracht habe, da es kein Feuerwerk gab. Nach dem Verständnis der Tunesier, und wahrscheinlich der meisten Muslime, ist Silvester mit der Geburt Jesus verknüpft und damit ein christlicher Brauch. Wir nutzten den Abend für einen persönlichen Jahresrückblick und ein selbst gekochtes Abendessen, da wir am Vortag, und auch sonst, etwas Pech mit der Restaurantauswahl hatten. Alles sehr fleischllastig und wenig gewürzt, während es gleichzeitig viel zu scharf für unsere Gaumen war.
Die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und bunten Zeichnungen an den weißen Wänden war sauber und gemütlich, rückblickend wohl die schönste, die ich gesehen habe.

Gabès, Matmata, Toujane

Nach 7 Stunden Zugfahrt erreichten wir spätabends Gabès, wo schon längst alle Bordsteine hochgeklappt waren. Ein Abendessen fanden wir in einer Shisha-bar, die uns auf ihrer Rooftop-Bar unsere Käse-Crèpes hat essen lassen. Ein Zimmer bekamen wir noch in einem Hotelkomplex am Strand.
Jetzt sollte aber das Wüstenabenteuer endlich losgehen: das nächste Sammeltaxi fuhr uns bis nach Matmata-neu. Dort erfuhren wir, dass angeblich auf unserer weiteren Route keine Sammeltaxen mehr verkehren. wir wollten aber ins historisch viel interessantere Matmata-alt. Auf dem Fußweg fragten wir in einem parkenden Pickup, ob er uns mitnehmen kann und suchten weiter nach einer Bushaltestelle. Nur wenige Minuten später hupte es hinter uns und wir konnten aufspringen. Mit dem Wind in den Haaren und einem breiten Grinsen im Gesicht ging es durch die karge Steppe und schöne Felsen. In Matmata-alt vermischten sich neue Gebäude mit alten, teilweise bewohnten Berber-Höhlen. Diese waren auf den ersten Blick überhaupt nicht zu erkennen, weil ihre Eingänge sehr unscheinbar waren. Erst von oben entdeckte man den ein oder anderen Krater, der als Innenhof die einzelnen Räume miteinander verband. Die wohl bekannteste Höhle ist die, in der Luke Skywalker auf seinem Heimatplaneten Tatooine aufgewachsen ist. Sie wurde sowohl 1976 für Episode IV wie auch 2002 für Episode II genutzt und ist heute ein kleines Hotel und Museum.

Wir trampten am gleichen Tag aber noch weiter und schafften es bis nach Toujane. Auf dem Hügel hatte jemand ein futuristisches Wüsteniglu mit toller Aussicht errichtet. Darunter kamen wir durch einen glücklichen Zufall in einem sehr gemütlichen Erdloch zur Übernachtung unter.

Neben gewöhnlichen Shell, Total, usw Tankstellen gibt es in Tunesien an den langen Straßen noch etwas unkonventionelle Tankstellen. Ich fand sie anfangs noch ziemlich witzig, dass ich sie fotografisch festhalten wollte. Doch es dauerte nur zwei Tage, bis wir an einer solchen Tankstelle vorbeimussten, bei der etwas schiefgegangen war. Für die Einheimischen war dieser Anblick nichts außergewöhnliches, vor allem im Sommer ist die brandgefahr der Benzindämpfe enorm hoch. Ich spürte die Hitze auf der anderen Fahrbahn noch durch das verschlossene Fenster.

Medenine, Tataouine, Chenini

Auf der Durchreise nach Tataouine kamen wir in Medenine an einer weiteren Star Wars Kulisse vorbei. die getürmten Lehmkammern mit ihren runden Dächern und schrägen kleinen Treppen lassen einen wirklich für einen Augenblick vergessen in welcher Zeit oder auf welchem Planeten man ist. Dieser sehr ursprüngliche Teil der Stadt ist sehr zentral von Märkten umgeben, hat dennoch kaum Passanten und ist auch nicht bewohnt. In der Touristensaison sieht es wahrscheinlich anders aus. Als uns bewusst wurde, dass die Stadt Tataouine zwar als Namensspender für Lukes Planeten diente, aber diesem optisch gar nicht ähnelte, entschieden wir uns, etwas abseits der Hauptstraße in Chenini unterzukommen. Das kleine Dorf ist bekannt für die vielen wabenartig übereinander angeordneten Kornkammern auf dem Felsen, welche seit 2000 Jahren Berbern als Speicher dienten. Zu unserer Überraschung waren hier viele Wohnungen noch bewohnt. Von unserer Unterkunft habe ich nach dem 360° Panorama ein kleines Video beigefügt.

Video Vorschau

Tor zur Sahara: Douz und Umland

In Douz befindet sich das Tor zur Sahara und das merkt man schon an den sandigen Straßen. Metzgereien werben hier makaber mit Kamelköpfen vor dem Eingang. Wir shoppten lieber wärmende Kleidung, siehe zweites Bild: Daniel auf dem Laufsteg. Von hier, bzw. von dem Vorort Sabria starten viele Touren in die Wüste. Und eine solche, mit Kamelen, hatten wir online gebucht. Die Beschreibung war etwas missverständlich und wir wussten nicht recht, worauf wir uns einlassen würden. Erstrecht nicht mehr, nachdem an den Koordinaten, bei denen wir uns treffen sollten, nur ein Esel, ein paar Ziegen und ein Kamel im Sand chillten. Die Koordinaten stimmten natürlich nicht, der genervte Taxifahrer war weg, doch wir hatten die Telefonnummer des Organisators. Er holte uns ab und brachte uns in ein luxuriöses Wüstencamp.
Natoll! So hatte ich mir Verzicht und Abgeschiedenheit wirklich nicht vorgestellt. Es stellte sich heraus, dass die Zeltübernachtung mit einem Beduinen erst am nächsten Tag stattfinden sollte und wir den Abend im Camp genießen sollten. Zu unserem Glück waren wir nicht in der Ferienzeit dort, denn 2 Tage zuvor hätten wir uns das Camp noch mit 100 tunesischen Urlaubern teilen können. Es war trotzdem wild. Ein Animationsprogramm mit Trommeln, einer nervenbetäubenden Tröte, Tanzen ums Feuer und traditionellem Voltigieren durften wir uns antun, bevor wir in den Speisesaal geführt wurden. Doch auch dort waren wir nicht sicher, denn es gab ein Geburtstagskind unter den Gästen. Das Licht ging aus und ein Kuchen wurde unter Trommeln und Trompeten hereingebracht. Ich schaute Valerie ängstlich an, doch mein Geburtstag war zum Glück erst am nächsten Tag und der Kuchen ging zum anderen Tisch. Ich war erleichtert, denn ich habe ihr zugetraut, mich verpetzt zu haben. Kurz darauf ging das Licht wieder aus, die 4 Musiker tröteten erneut in den Saal und ein weiterer Kuchen kam direkt auf mich zu. Schweißgebaded stellte ich mich darauf ein, gleich im Mittelpunkt der Veranstaltung zu stehen und für das Auspusten einer Kerze applaudiert zu bekommen. Doch zu meinem Glück bog die Torte zum Nachbartisch ab. Wir hatten dann noch einen lustigen Abend mit unseren neuen Freunden am Tisch, die es inzwischen geschafft hatten, die Kellner zu bestechen um an eine Flasche Wein zu kommen. Als Kompromiss für einen Joint – weil sie abends in der Wüste kein Gras auftreiben konnten. Der Kunde ist König.

Meinen 30sten Geburtstag durfte ich dann doch tatsächlich auf dem Rücken eines Kamels verbringen. Zur Mittagspause bereiteten wir Brot im Feuer vor und bereiteten einen Salat vor. Wir sahen endlose Dünen, Sträucher, die Spuren von Wüstenfüchsen und genossen die friedliche Stille. Abends kochten wir Eintöpfe, bauten unsere traditionellen Berber-Decathlon-Zelte auf und bereiteten einen Windschutz und das Feuer vor. Es regnete gelegentlich, was dazu führte, dass sich der Sand verfärbte. Hoch stehend konnte man im Umkreis an der Sandfarbe erkennen, wo es nicht geregnet hat. Kurz vor Sonnenuntergang gab es sogar einen Regenbogen und der Himmel färbte sich gold. Wir wärmten uns bis tief in die Nacht am Feuer, scherzten trotz Sprachbarriere mit unserer Begleitung, lasen vor, schossen Fotos und beobachteten den klaren und dann wieder bewölkten Himmel bis wir uns bei stärkerem Regen unter unsere 7 Decken im Zelt verkrochen.
Es waren atemberaubende Szenen und ein unvergesslicher Ausritt, sodass ich mich nun bereit fühle, auch längere Etappen in der gar nicht so menschenfeindlichen Wüste zu verbringen.

Karthago

Da wir uns wegen Zeitmangel und schlechten Busverbindungen entschlossen hatten, nicht weiter in die Wüste nach Tozeur vorzudringen, war am Ende der Reise noch genug Zeit, sich die Ruinen von Karthago anzuschauen. Spoiler: kaputt.
Es ist auch kaum verwunderlich, denn die Stadt, die 814 v. Chr. von phönizischen Siedlern aus Tyros (heute im Libanon) gegründet wurde und sich aufgrund der vorteilhaften Lage an der Meerenge zu Sizilien schnell zu einer bedeutenden Handels- und Seemacht im Mittelmeerraum entwickelt hatte, wurde von den Römern im dritten punischen Krieg 146 v. Chr. so gründlich ausradiert, dass man bis zu den ersten Ausgrabungen im 19. Jahrhundert nur die grobe Position der damaligen Metropole kannte.
Über 100 Jahre nach dem Völkermord an den Karthagern (so würde man es heute wohl nennen) begannen die Römer auf dem Gebiet einen Neuaufbau, wodurch heute nur wenige ursprüngliche Mauern übrig sind. Außerdem errichteten die Römer ein riesiges Thermalbad, dessen Grundriss noch gut zu erkennen ist. Das erste Bild zeigt Mauern einer Ausgrabungsstätte des römischen Villenviertels. Hier sind einige römische Mosaike gefunden worden. Wenig ist vom alten Hafen der Karthager erhalten, in dem hunderte Handels- und Kriegsschiffe Platz hatten. In einem kreisrunden Becken mit überdachter Insel in der Mitte lag gut geschützt die Kriegsflotte, wobei man heute etwas Fantasie benötigt, um sich das damalige Ausmaß vorzustellen. Das nächste Bild zeigt einen Ausschnitt des runden Hafenbeckens mit der Insel.. Im dritten Bild lässt sich gut erahnen, wie groß das Thermalbad gewesen sein muss.

Unsere letzte Nacht verbrachten wir in einem denkmalgeschützten Hotel mitten in Tunis‘ Medina. Was von außen schien wie ein Hinterhof-Laden, entpuppte sich als nobles Gasthaus, mit überdachtem Innenhof, verzierten Säulen, altem Marmor und prunkvollen Zimmern, bei denen man sich vorstellen konnte, dass schon so manche historische Figur hier genächtigt haben könnte. Nach einer warmen Dusche in der Marmor-Badewanne war die Erschöpfung so groß, dass die Energie nur noch für ein paar Seiten in Coelhos Alchemisten ausreichte. Solch ein passendes Buch, und so ein schöner Ausklang von wundervollen 2 Wochen in Tunesien.

Weiter Beitrag

2 Kommentare

  1. Anne Januar 16, 2026

    Hi, danke fürs mitnehmen nach Tunesien. Ihr habt superFotos gemacht, meint auch Georg und das soll was heißen .
    Liebe grüße, anne

  2. Barbara Januar 18, 2026

    Wow, was für eine aufregende Reise. Ich habe mich gefühlt als wäre ich dabei gewesen. Toll geschrieben, du solltest Reiseführer der besonderen Art schreiben. Die Fotos sind Weltklasse, ich habe mehrere Favoriten.
    Vielen Dank
    Gruß Barbara

Antworten

© 2026 daniel.schreiber.solar

Thema von Anders Norén

×